Katalogtext zur Ausstellung in der Galerie Ursula Siegenthaler, Zürich und Galerie Hans-Jürgen Siegert, Basel. Text von Annemarie Monteil (Auszug).

23. November 1994

Nichts ist schwieriger als das Einfache. Oft braucht es komplizierte Entwicklungsstufen, um zu einer selbstverständlichen, eben einfachen Lösung zu gelangen. Daniel Diggelmann ist zu solchen Lösungen unterwegs. Komplexe Arbeits- und Lebensprozesse liegen seinen aus vielen Schichten entstehenden Bildern zugrunde.

Nach der Ausbildung an der Malschule von Beppe Assenza waren Natureindrücke wichtig. Himmel, Pflanzen, Meer wurden nicht „wörtlich“, sondern atmosphärisch eingefangen in helle oder erddunkle Töne, strukturiert von feinen Linien.

Diggelmann fühlte all dies als Durchgang. Er suchte nach dezidierteren Formen und Aussagen. Solche Wechsel, sagt er, „brauchen Mut“. Aber man könne nicht anders; „denn schlussendlich sind das alles innere Entwicklungsschritte“. Das bedeutet für die Arbeit, dass jede Phase eine Vorstufe zur nächsten ist.

Nach 1986 werden die Farbflächen dichter, der Pinselzug gestischer, die Töne beschränken sich oft auf Grün und Schwarz. Kaseintempera wird tastbar gemacht durch Beigaben von Quarzsand und Asphalt. Diggelmann kennt sich geradezu alchemistisch aus im Bereiten von Farben. Über die bald naturhaften, bald leicht geometrisierten Gründe schwingt sich die helle, aufgelockerte Linie eines Kreises oder Kreissegments. Das Einsetzen des Zirkels in einem genau gewählten Ort im Bildgeviert ist auch die Suche nach dem eigenen Mittelpunkt. In Diggelmanns Worten: „Der Punkt, in dem der Zirkel einsetzt, steht für das Ich.“ Das bedeutet nicht, malen sei hier ein Egotrip. Die Klärung der Befindlichkeit muss für Daniel Diggelmann mit dem Erschaffen des Bildaufbaus parallel gehen. Das Entscheidende ist das gestalterische Resultat. Und tatsächlich ist es der helle Zirkelschlag, der die schwere Farbmaterie des Bildgrunds in Schwingung versetzt.

Vom Kreis gelangte Diggelmann in tastenden Versuchen über Wellenformationen zur Senkrechten. Plötzlich konnten die Leinwände nicht gross genug sein. Helles Blau oder Gelb bedeckt die Fläche. In der Mitte oder leicht daraus gerückt, setzt Diggelmann jetzt sein vertikales Element, das dem aufrechten Gang entspricht. Es ruft einem zweiten, dritten, stets im Fluss von oben nach unten. Rhythmen werden in immer neuen Übermalungen erprobt, bis die Proportionen für Auge und Gefühl stimmen.

Gleichzeitig mit dem Einjustieren der Senkrechtformen führt der Maler seinen Dialog mit der Farbe. In zahllosen Schichten transparenter Töne kann sich Gelb zu Orange oder Grün wenden. Wenn Rot über die Bildbegrenzung hinauszufluten beginnt, muss es stabilisiert werden mit Schwarz. Einmal bricht eine weisse Vertikale die allzu dichte Struktur auf. Nachbarschaften sind wichtig. Die Komplementärfarben Blau und Orange suchen sich über ein Schwarz hinweg. In einer ganzen Serie ist Siena dominierend, eine deckende Pigmentfarbe, die ein Zurückfinden zur Erde bewirkt neben Lichtgelb oder hellstem Grün. Die handschriftlich gezogenen Linien zwischen den Balkenformen mit haarrissfeinen Farbeinsprengseln lassen tiefliegende Schichtungen erahnen.

Daniel Diggelmanns neue Bilder sind strenger, knapper geworden. Sie beruhen aber nicht auf vorgefassten konkreten Konzepten, sondern auf Ordnungen, die langsam und organisch aus gemeinsamem Farb- und Lebensgrund wachsen. Diggelmann sagt es so: „Ich gehe in Form und Farbe hinein“.

 

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